Jährlich regt der Dachverband der Studierenden der Musikwissenschaften e.V. (DVSM) ein Nachwuchssymposium an, um dessen Konzeption und Durchführung sich Studierende bewerben können. Für das 40. DVSM-Nachwuchssymposium wurde das Tagungskonzept von Musica inaudita mit dem Titel »Critical Musicologies: Zwischen Kanonizität, Lehre und künstlerischer Praxis« ausgewählt. In diesem Symposium sollen Kanones nicht nur in Konzertprogrammen, sondern auch in musikalischen Studiengängen, insbesondere der Musikwissenschaft, kritisch hinterfragt und damit Kanon- und Lehrkritik praktiziert werden.
Der DVSM vernetzt Studierende der Musikwissenschaft im DACH-Raum und möchte dieses Netzwerk nutzen, um kanonkritische Diskurse zu teilen und weiterzuentwickeln. Auf dem DVSM-Nachwuchssymposium soll ein geschützter Raum entstehen, in dem gemeinsam produktiv Kritik geübt und Ansätze entwickelt werden, die in musikwissenschaftliche Institute und Musikhochschulen zurückwirken können.
Dabei ist es wichtig, zu betonen, dass es seit den 1980er Jahren viele Bemühungen und Publikationen gibt, die diese Ansätze bereits verfolgen.¹ Trotzdem werden weiterhin exkludierende Strukturen – bewusst oder unbewusst – reproduziert, was die Kontinuitäten dieser aufzeigt. Das Symposium knüpft an eine kanonkritische Praxis an und versteht sich zugleich als Beitrag zu musikwissenschaftlichen Debatten um Kanones, Macht und Historiographie, wie sie u. a. im Kontext von Kanonforschung, Gender Studies, postkolonialen und dekolonialen Theorien sowie Analysen institutioneller Normativität geführt werden.
Das Symposium als klassische Struktur von Redebeiträgen einzelner Personen soll durch die Möglichkeit alternativer Vortrags- und Austauschformate partizipativ und interdisziplinär gestaltet werden. Beiträge aus den Sparten der künstlerischen Forschung und Praxis, wie Performances, installative Arbeiten sowie Workshops werden als Formate der (Wissens-)Vermittlung anerkannt und gleichrangig zu rein inhaltlichen Vorträgen gesehen. Zu Beginn der DVSM-Symposienreihe Ende der 1980er-Jahre war die Einbindung künstlerischer Programmpunkte gängige Praxis – dies soll wieder aufgenommen und weitergedacht werden. Die Tagung leistet somit einen Beitrag zum Verständnis von Wissensweitergabe, bei der das Hören und Denken als körperliche Praxis im Mittelpunkt stehen.
¹ Vgl. u.a. ohne Vollständigkeitsanspruch: Kerman 1985; McClary 1991; Citron 1993; Bohlman 1993; Goehr 2007; Noeske 2010; Pietschmann und Wald-Fuhrmann 2013; yamomo 2018; Bull 2019; Ewell 2020; Abfalter und Reitsamer 2022; Kisiedu und Lewis 2023; Lee 2023.
Folgende Beiträge können eingereicht werden:
- Vortrag (deutsch; 20 Min. Vortrag + 10 Min. Diskussion)
- Lecture Performance (30 Min.)
- Workshop (deutsch; max. 60 Min.)
- Performance (max. 45 Min.)
- Installation: sound / audiovisuell
- experimentelle Formate
- Work-in-progress und kollektive Beiträge sowie aktivistische Interventionen sind möglich und erwünscht.
Themenvorschläge:
- Intersektionalität in Anbetracht von race, class, gender, disability, …
- Feminismus in Pop und Jazz
- postkoloniale / dekoloniale Musikgeschichtsschreibung
- Global-Majority Perspektiven
- Analyse von Stücken marginalisierter Komponist*innen
- Kritik an
- patriarchaler Historiographie
- Geniekult
- Vorstellungen von Exzellenz
- Methoden musikwissenschaftlicher Analyse
- epistemischer Gewalt
- Wer schafft es in den Konzertsaal? – Publikumsforschung
- Barrieren und deren Abbau
- Normativitätsbias (Heteronormativität, auch im Kontext der
Neurodiversität / Neurotypizität) - ökologische Validität in empirischen Forschungsdesigns
- Kategorisierungspraktiken und meritokratische Logiken
Bitte schickt euer Abstract (max. 300 Wörter) oder gleichwertige künstlerische Unterlagen, wie Klangbeispiele oder Fotos und eine dazugehörige Kurzbiografie (aller Beteiligten) per Mail an bis zum 30.06.2026 mit dem Betreff CfP DVSM-Symposium. Die Auswahl der Beiträge erfolgt durch Musica inaudita und wird am 20.07.2026 bekanntgegeben. Für die Einreichung von Beiträgen ist die Bereitschaft zu einer anschließenden Publikation in einem Tagungsband oder Dokumentation in einer anderen Form erwünscht.
Wenn ihr ohne eigenen Beitrag teilnehmen wollt, freuen wir uns über eine Anmeldung per Mail an mit dem Betreff Anmeldung DVSM-Symposium.
Eine Reisepauschale für die Beitragenden ist geplant – für alle (aktiv und passiv) Teilnehmenden wird eine Schlafplatzbörse eingerichtet, die genutzt werden kann. Unsere Tagungsräume sind barrierefrei erreichbar. Ein Awareness Konzept sowie Zugangsinformationen werden aktuell ausgearbeitet und rechtzeitig öffentlich zugänglich gemacht.
Über Musica Inaudita:
Musica inaudita ist eine seit 2021 bestehende Initiative der Universität der Künste Berlin, die mit ihrer Arbeit auf strukturell diskriminierende Realitäten der ‚klassischen’ Musikwelt aufmerksam macht. Komponistinnen und Musikerinnen, die nicht weiß², heteronormativ, abled und cis-männlich sind, werden im Musikbetrieb marginalisiert. Aus diesem Grund ist es ein Anliegen der Initiative, Komponistinnen hör- und sichtbar zu machen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Identität, sozialen oder nationalen Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sprache, Behinderung oder politischer Anschauung nie Teil eines Kanons waren oder nachträglich aus ihnen entfernt wurden. Musica inaudita organisiert regelmäßig Konzerte mit dem Ziel, Kanonizität kritisch einzuordnen und Alternativen zu präsentieren. Durch die Konzerte wird der Musik von marginalisierten Komponistinnen eine Bühne geboten. Neben Konzerten bietet die Initiative musikwissenschaftliche Workshops an und pflegt eine Datenbank, die Zugang zu Noten von und Informationen zu marginalisierten Komponist*innen bietet.
„Dass Musikwissenschaft und Musikgeschichte nicht neutral sind, liegt auf der Hand, wenn man sich bewusst macht, woher sie kommen und wer Zugang zu und Einfluss auf sie hat. […] [Die klassische Konzertkultur] ist ein sich selbst reproduzierendes System, aus welchem sich ein Kanon westlicher Kunstmusik als gesellschaftlich ausgehandeltes Machtprodukt durchgesetzt hat (Vgl. Diez 2010, 494) ohne der Entwicklung der Welt zu einer globalisierten, postkolonialen nachzukommen. Die Werke des Kanons werden bis heute gelehrt, gespielt und gehört, obwohl sie nur einen begrenzten Teil der Musiklandschaft und -geschichte abbilden und – mit Blick auf die musikalische Qualität – nicht immer nachvollziehbar ist, wieso sich gerade diese und nicht andere Werke als Teil des Kanons etabliert haben (Vgl. Dorschel 2006, 9).”
Bei weiteren Fragen kontaktiert uns gerne per Mail unter oder über unsere Website: www.udk-berlin.de/musica-inaudita
Organisationsteam:
Filip Bayer-Čech (FU Berlin / HU zu Berlin, er/ihm)
Florian Moldaschl (HfM Freiburg, er/ihm)
Emilia Reiter (FU Berlin / HU Berlin, keine/dey/demm)
Marie-A. Schwebe (UdK Berlin, sie/ihr)
Jelena Wißmann (HfM Detmold, sie/ihr)
² Der Begriff „weiß“ wird klein und kursiv geschrieben, da er nicht die neutrale Beschreibung der Hautfarbe, sondern die Privilegierung und gesellschaftliche Machtposition von Menschen ohne Rassismuserfahrungen meint.
³ Marlene Feger und Marie-Antonia Schwebe. „Unlearn the Canon! Die Initiative Musica inaudita über Diversität in der klassischen Musik.” In Empowerment. Wissen und Geschlecht in Musik – Theater – Film. mdw Gender Wissen, Bd. 10. Wien: Böhlau, 2025, S. 81-93, hier S. 85f.




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